lieber roli, liebe genossInnen
eine objektive Wahrheit hängt nicht von der Person ab, die etwas sagt, sondern lässt sich überprüfen. Nur darauf solls ankommen.
richtig. das ist aber genau dasjenige des "zuviel der ehre", das mir beim au zuviel ist, weil der au ja gar nicht möcht, dass seine rede überprüft werde, sondern dass man sich dadurch gleichzeitig mit der ideologie seiner politischen gruppe auseinandersetzt. genau das will ich nicht - wenn dir deine zeit dafür gut aufgewendet erscheint, dann ist das immerhin ja auch deine entscheidung. meine zeit möcht ich gern für anderes, das mir sinnvoller erscheint, verwenden.
Selbstverständlich soll die Erfüllung der platonischen Einheit nicht Ziel der Kritik sein. Platon ist DER Stichwortgeber der Philosophie der letzten 2000 Jahre und auch heute sehr hoch im Kurs, wie Du richtig anmerkst. Nur erinnert das Gerede von Form (das Schöne) und Inhalt (das Wahre) stark an Platon.
ja schon, nur ist das eben genau nicht mein postulat, und auch nicht das von nachtmann: dass die form nämlich das schöne und sonst nichts, der inhalt hingegen das wahre und sonst nichts sei. tatsächlich ist es genau diese anti-dialektische polemik, die die bürgerliche regression in sich trägt, nämlich dass sich der inhalt von der form so ohne weiteres trennen liesse. im gegenteil: ein wahrer satz enthält die schönheit, ein schöner satz enthält wahrheit. das meint jetzt keine romatizistisch idealistische ästhetische theorie, die lösgelöst von ihrem gegenstand verstehbar wäre, sondern meint die in der erkenntnisarbeit am gegenstand immanente schönheit der darstellung von erkenntniswahrheit. die verscränkung von inhalt und form, die dann in der GEGLÜCKTEN vermittlung der erkenntnis erscheint, wäre dann eben die vermittlung der form mit ihrem inhalt und des inhalts mit seiner form der darstellung. die arbeit der erkenntnis lässt sich aber von der arbeit ihrer vermittlung nicht trennen, weil eine nicht vermittelbare erkenntnis keine erkenntnis ist. ein nicht vermittelbarer gedanke ist zwar nicht ungedacht, bleibt aber in seiner unmitteilbarkeit folgenlos - also so gut wie ungedacht. Wenn die beiden ersteren stimmen ist es dann gut. Wenn dem Clemens
Nachtmann die Erfüllung dieser Vorgaben nicht gelingt, soll darin welche Absicht liegen? 2 Möglichkeiten erscheinen mir realistisch. Estens kann er sich nicht klarer ausdrücken, weil sein Gedanke verwordackelt ist. Zweitens: Vielleicht will er sich gar nicht klarer ausdrücken.
nachtmanns gedanke lässt sich eben nicht mit dem idealistischen platonisch-bürgerlichen postulat der säuberlichen trennung von inhalt und form, die dann folgerichtig auch noch ziemlich autoritär das ihre zugewiesen bekommen, nämlich form - das schöne, inhalt - das wahre, vorstellen. da muss man halt schon auch über das linear-hierarchische denken der arbeitsteilung hinausdenken und nachtmann schlägt für diesen denkprozess eben das dialektische denken vor, indem er es gleichzeitig auch selbst denkt. ich hingegen schlage halt dem linear-hierarchische denken die folgende übung vor: form - das wahre, inhalt - das schöne. mit dieser übung kommt man dann immerhin mindestens so weit, wie wenn man inhalt und form den umgekehrten ontologischen gehalt zuweist. das heisst, das ich fürderhin rilke - gedichte auf ihre gesellschaftskritischen analyse-gehalte lese und au -texte auf ihre lyrische schönheit! der katzenjammer, der auf die übung folgt ist auch nicht grösser als beim "richtig" lesen. Bei Marx ist alles
klar; nur hat Dein nachgereichtes Marxzitat wenig mit dem Nachtmann-Text zu tun. Wers genau liest merkt, dass da etwas nicht zusammenpasst. Die Ästhetik lenkt hier, sogar bewusst vom Gemeinten ab. Ich weiß, ich habs wieder nicht kapiert und den Scherz mit dem Postmodern-Generator hätt ich unterlassen sollen, weil er von Dir für bare Münze genommen wurde.
na ja, manchmal hab ich schon das gefühl, du erlebst die texte der kritische theorie als aus einem text-generator generierte. die konditionierung des denkens auf ausschliessliche rezeption logisch- hierarchischen denkens, dass sich ja auf ausschlüssen aufbaut, reduziert den erkenntnisapparat auf genau diese denkschablone, was natürlich dialektisches denken als äussert verwirrend erscheinen lässt. "denken in widersprüchen" (was ja eine überaus gängige, leider nichtsdestotrotz verkürzende definition von dialektik ist) lässt sich nicht im reden über dasselbe erlernen, sondern nur durch seine praxis. und hier beginnt genau dieses dilemma von inhalt und form einerseits als bürgerliches und andererseits als dialektisches, wobei letzteres schon in seiner praxis über das bürgerliche denken in emanzipatorischer absicht hinaus will. roli, wenn dir das immer noch nicht einleuchtet, bin ich selber ratlos - aber nur in hinblick auf deine hartschädeligkeit. hoffnungsvolle grüsse nora
--- Ursprüngliche Nachricht --- Von: "Nora Hermann" <nausikaa@gmx.at> An: "Kosmonaut" <baikonur@gmx.net> Betreff: Re: [god] ein paar klarstellungen Datum: Wed, 12 Apr 2006 13:29:29 +0200 (MEST)
lieber roli, liebe genossInnen
der au hat zwar einen standpunkt, der aber gleichzeitig auch eine meinung ist - beides kann er natürlich gerne haben auch gleichzeitig. aber zur "objektiven wahrheit" fehlt's ihm m. e. ein bissi. was ich nicht so
gern
hab, ist das verfahren, bei persönlichen standpunkten oder auch meinungen, selbige als die "richtige" haltung zu verkaufen. ansonsten soll er gerne sagen, wie und was immer er mag. die tonart macht ja in der regel einen wesentlichen moment des gehalts getroffener aussagen aus.
zum nachtmann: die platonische einheit soll und kann ja wohl kein ziel von kritik sein: platon ist doch immerhin der allzeit aktuelle ideologe gerade und hauptsächlich auch der postbürgerlichen gesellschaft - als solcher ist gerade die erfüllung seiner vorgaben der beweis für affirmation statt für kritik. wenn das also nachtmann nicht gelingt, könnte da ja vielleicht eine absicht dabei sein.
es tut mir auch leid, roli, dass du wieder mal einen text von mir und in diesem fall auch ein zitat von nachtmann nicht verstehst. das marx zitat lautet vollstandig: "kritik ist nicht eine leidenschaft des kopfes, sondern der kopf der leidenschaft" und dass du kritische theorie mit postmoderner theorie verwechselst ist schade, weil sich beide theorien diametral gegenüberstehen, sowohl was die auffassung von kritik als auch ihr ziel betrifft.
lg nora
der Herbert Au hat 2 Texte auf unserer hp platzieren können. Der
eine zum
Oktoberstreik 1950 und der zweite war eine Antwort auf die Pröbstlingverleihung. Wer angeklagt wird, darf sich doch wohl noch verteidigen und seinen Standpunkt, nicht seine MEINUNG, wie Nora irrtümlich glaubte, kundtun, oder nicht? Auch der Pröbsting soll auf unsere Kritik reagieren; ich hätt nix dagegen. Den Unterschied zwischen begründetem Standpunkt und Meinung erpar ich mir und euch. Der Au hat mich nur um Weiterleitung gebeten, sonst hätt er es selbst draufgestellt. Die Veranstaltung am 27.3. war NICHT zu Europa, sondern zum "Kampf der Kulturen". Aber da ich selbst wohl in Noras Vorstellung keinen Europa- Text schreiben würde, muss man sich etwas zusammendichten, um mich als Herberts Sprachrohr zu präsentieren. Noch eine Frage an Nora: an wen richtet sich der neueste Artikel "Inhalt und Form" auf unserer hp? Der ist so formvollendet, dass der Inhalt ein wenig flöten geht, oder steht da nur drinnen, dass die Erkenntnis eine Leidenschaft ist, die einem in ungewisse Gefilde bringen kann. Man "überlässt" sich dieser Passion. Dann passiert irgendetwas mit demjenigen der sich der Leidenschaft überlassen hat. Er bzw. sie ist nicht mehr Herr bzw. Herrin seiner Gedanken, sondern Sklave von etwas, (nicht klar was es ist - bewusstes Denken dürfte es nicht sein) jedenfalls etwas was außerhalb seiner selbst ist. Trotz wacher Sinne kein klarer Gedanke, lieber Clemens Nachtmann! Die platonische Einheit von Gutem, Wahrem und Schönem leistet der Text nicht. Oder hat da nur jemand den Postmodern-Generator bedient und mir ist es nicht aufgefallen? Vielleicht bin ich auch nur zu blöd für den Text. Es ist ja eine Binsenweisheit, dass eine klare und präzise Sprache den Inhalt ebenso wiedergeben. Wenn klar ersichtlich ist, was gemeint ist, ist die Form auch klar und präzise und man braucht sich darüber nicht mehr den Kopf zerbrechen. Ende der Zwangsbeglückung, vorerst...
liegrü Rol
--- Ursprüngliche Nachricht --- Von: "Nora Hermann" <nausikaa@gmx.at> An: god@mond.at Betreff: Re: [god] neues auf der hp Datum: Sun, 9 Apr 2006 18:23:10 +0200 (MEST)
liebe genossInnen,
als am 27. März 2006 die Buchpräsentation "Feindaufklärung und Reeducation" im depot stattfand, fand zeitgleich im HS II des NIG eine veranstaltung der "gegenargumente" zu Europa statt. ich hab überhaupt nichts dagegen dass gen. roli seine texte auf der god hp veröffentlicht, aber ich darf daran erinnern, dass die "gegenargumente" eine eigene hp haben und ich es irgendwie unzulässig finde, dass sie die god hp zusätzlich dazu auch noch für sich vereinnahmen.
ich finde, dass die texte, die für diesen publikumskreis gedacht sind, auch auf der entsprechenden site für diese klientele veröffentlicht werden sollten und nicht auf der god hp! - ich möcht mich eigentlich nicht vom (privat ja ganz netten) dauerredner au und seinen jüngern zwangsbeglücken lassen.
lg n
p.s. neues auf der god hp: Inhalt und Form - eine zitatförmige Anmerkung zur linken Spaltung von Theorie und Ästhetik oder Der Kopf der Leidenschaft
Die Blei- und Buchstabenwüsten linker Gesellschaftskritik lassen selbst die Taklamakan als inspirirten Landstrich erscheinen, zumindest die Pracht ihrer Sand- und Gesteinsformationen enthält inhaltliche Aussagen fruchrbarster visueller geologischer Phantasie. Die Form gewisser "theoretischer" Texte offenbart allerdings den wenig ansprechenden Inhalt geistiger Diarrhoe. Die Form gibt dem dialektischen Denken stets Auskunft über ihren Gehalt: sei es nun der benutzte Jargon oder die seitenweise Wiederholung marxistisch-leninistischer Merksätze, deren ständige Beschwörung darauf verweist, dass deren schriftliche Niederlegung ihre Prediger der begriffenen Anwendung in der Praxis enthebt.
"Selbst für die avanciertesten Formen materialistischer Kritik scheint diese Spaltung (in Gesellschaftstheorie und Ästhetik; Anm.) heute nach wie vor zur selbstverständlichen Geschäftsgrundlage zu gehören und die notwendigen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, damit ebenfalls: die Geringschätzung der Form, in der sich ein Gedanke notwendig mitteilen muss und die sich in schlampiger Sprache indiziert und damit entschuldigt wird, dass es ja, wie die altlinke faule Ausrede lautet, auf den 'Inhalt' ankäme; eine Haltung, die statt in Erkenntrnis FREI zur Sache sich zu verhalten, bei Theorie Deckung sucht, von ihr Unterschlupf und geistiges Obdach erwartet; die damit einhergehende Illusion, über die jeweiligen Gegenstände und über die eigene Erfahrung zu verfügen, die Welt gleichsam geistig kommandieren zu können; die Behandlung von Wissen als eines abrufbaren Corpus' von Merksätzen; vor allem aber die Haltung, aus der heraus man Erfahrungen, die einem nicht sofort und unmittelbar durchsichtig sind, Misstrauen und Abwehr entgegenbringt, um sich dafür lieber an schale und phrasenhafte Rationalisierungen zu klammern, die scheinbar Gewissheit und Präzision versprechen.
Der ästhetischen Erfahrung ist ungeschmälerte, selbstkritische Erkenntnis darin verwandt, dass sie jenem BEDÜRFNIS NACH RÜCKENDECKUNG, NACH ABSOLUTER GEISTIGER SEKURITÄT UND DEM DARIN INBEGRIFFENEN RATTIONALISIERUNGSZWANG ENTGEGENTRITT. Erkenntnis, die IM ERNST ZÄHLT und die wahrhaft sprengenden Charakter hat, ist keine strategische Anordnung, in der vorab alles entschieden, die nach unmittelbat einsichtigen Zweck/Mittel-Kriterien organisiert wäre, sondern gleicht einer Passion, von der man nicht loskommt und der man sich ohne Reservation, aber wachen Sinnes überlässt, ohne dass genau absehbar wäre, wo sie einen hinführt."
C. Nachtmann
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